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Die AfD im Höhenrausch – Die Parteien der demokratischen Mitte in Schockstarre

Warum bekam die AfD so viel Zuspruch? Welche Rolle spielten dabei die AfD-Spitzenkandidaten? Was hilft gegen den dramatischen Stimmenzuwachs der AfD?

Die AfD im Höhenrausch - Die Parteien der demokratischen Mitte in Schockstarre

Nach dem dramatischen Zuwachs von Wählerstimmen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin befindet sich die AfD im Höhenrausch. Alice Weidel sieht die AfD bereits als Nachfolgerin der Volkspartei CDU. Die Parteien der demokratischen Mitte sind geschockt. Was ist da gelaufen?

Warum bekam die AfD so viel Zuspruch? Welche Rolle spielten dabei die AfD-Spitzenkandidaten? Und: Was können die demokratischen Parteien unternehmen, um dem dramatischen Stimmenzuwachs der AfD zu begegnen? Der Versuch einer Analyse.

Warum bekam die AfD so viel Zuspruch?

Für die hohen AfD-Stimmenzuwächse lassen sich insbesondere folgende sieben Gründe nennen:

1. Politische Unzufriedenheit und „Anti-Establishment“-Gefühl

Ein verbindendes Element unter AfD-Wählenden ist ein massives Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen, den traditionellen Medien und den etablierten Parteien (oft als „Altparteien“ bezeichnet). Viele Wähler nutzen ihre Stimme, um der aktuellen Bundesregierung eine Absage zu erteilen (Denkzettel- und Protestmotiv).

Da die AfD bisher auf Bundes- und Landesebene nie regiert hat, profitiert sie von einer makellosen Oppositionsrolle – sie musste im Gegensatz zur Konkurrenz noch keine politischen Kompromisse eingehen oder Regierungsfehler verantworten.

2. Zukunftsängste, Krisen und ökonomische Verunsicherung

Die rasche Abfolge globaler und nationaler Krisen in den letzten Jahren (wie die Energiekrise, hohe Inflation, der Ukraine-Krieg und der wirtschaftliche Strukturwandel) hat in Teilen der Bevölkerung zu starken Abstiegs- und Wohlstandsängsten geführt. Viele Wähler verspüren ein subjektives Gefühl der Benachteiligung. Sie haben den Eindruck, dass die Politik sich mehr um globale Krisen oder spezifische Minderheiten kümmert als um die Belange der eigenen Bürger (z. B. Rentner oder Arbeiter). Besonders unter Arbeitern und Menschen mit schlechten Arbeitsbedingungen oder mangelnder beruflicher Anerkennung erzielt die AfD überdurchschnittliche Ergebnisse.

3. Das dominierende Thema Migration und Asyl

Die Sorge über die Zuwanderung nach Deutschland ist ein sehr starker statistischer Treiber für die Wahl der AfD. Wer in diesem Bereich große Bedenken äußert, hat eine vielfach höhere Wahrscheinlichkeit, die Partei zu unterstützen – unabhängig von Einkommen oder Bildung. Die AfD positioniert sich hierbei als radikale Gegenstimme zu allen anderen etablierten Parteien.

4. Erfolgreiche Mobilisierung über Soziale Medien und durch Präsenz

Besonders bei jüngeren Wählern konnte die AfD bei den jüngsten Wahlen deutliche Gewinne verzeichnen. Ein Hauptgrund dafür ist die hohe und professionelle Präsenz auf Plattformen wie TikTok. Während etablierte Parteien dort oft weniger aktiv sind, erreicht die AfD Jugendliche direkt in ihrer digitalen Lebenswelt, indem sie komplexe Probleme verkürzt darstellt und emotionale Botschaften sendet.

Die AfD hat es auch verstanden, dort Präsenz zu zeigen, wo Frust herrscht – auf Marktplätzen, in Vereinen oder bei Bürgersprechstunden.

5. Besonderheiten in Ostdeutschland

Zwar konnte die AfD auch in Westdeutschland deutlich zulegen, ihre absoluten Spitzenwerte erreicht sie jedoch weiterhin in Ostdeutschland. Sozialwissenschaftler führen dies auf spezifische historische Erfahrungen zurück, z. B. das Gefühl vieler Bürger in Ostdeutschland, Bürger „zweiter Klasse“ zu sein.

Auch besteht in Ostdeutschland eine geringere langfristige Bindung an die großen Volksparteien (CDU und SPD), was die Wählerschaft flexibler für populistische Strömungen macht.

6. Die Inszenierung als Friedenspartei

Die AfD inszeniert sich im Bundestag und in Wahlkämpfen intensiv als die einzig wahre „Friedenspartei“. Waffenlieferungen stoppen: Die fundamentale Ablehnung jeglicher Militärhilfe für die Ukraine spricht gezielt Wähler an, die Angst vor einer direkten Kriegsbeteiligung Deutschlands oder einer atomaren Eskalation haben. Die Partei verknüpft das Thema auch direkt mit den wirtschaftlichen Sorgen (Inflation, hohe Energiepreise).

Besonders in Ostdeutschland verfängt die russlandfreundliche Haltung der AfD. Während eine Mehrheit der Gesamtbevölkerung die Unterstützung der Ukraine befürwortet, ist die Skepsis im Osten traditionell deutlich höher. Die AfD bedient hier ein tief verwurzeltes Misstrauen gegenüber der NATO und den USA. Der Kreml wiederum nutzt diese Positionierung gezielt aus: Wladimir Putin und Kreml-Sprecher Dmitri Peskow lobten die AfD-Erfolge öffentlich als „Folge westlicher Fehler“ und zeigten sich offen für Gespräche. Diese gegenseitige Bestätigung festigt die Bindung der russlandfreundlichen Wählerschaft an die Partei.

7. Trump als außenpolitisches Vorbild

Donald Trump dient der AfD als wichtiger politischer Bezugspunkt im Westen. Die AfD-Führung befürwortet Trumps „America First“-Doktrin und überträgt sie auf ein „Deutschland zuerst“, was ihren nationalistischen Zielen entspricht. Wähler, die Trumps harten Verhandlungsstil und seine Skepsis gegenüber internationalen Bündnissen (wie der NATO) teilen, finden bei der AfD ihre politische Heimat. Die Hoffnung von Trump-Unterstützern, dass dieser den Ukraine-Krieg durch einen schnellen „Deal“ mit Putin beendet, deckt sich exakt mit den Forderungen der AfD nach einem sofortigen „Kompromissfrieden“ unter Akzeptanz russischer Sicherheitsinteressen.

Welche Rolle spielen für die Stimmenzuwächse die AfD-Spitzenkandidaten?

Die Spitzenkandidaten der AfD spielen eine entscheidende und strategisch zweigleisige Rolle für den Wahlerfolg: Sie fungieren als Brücke zwischen radikalen Inhalten und bürgerlicher Nähe. Durch eine gezielte Aufteilung der Rollen gelingt es der Partei, unterschiedliche Wählergruppen gleichzeitig anzusprechen.

An der Bundesspitze setzt die AfD auf ein kontrastierendes Führungsduo, um ein möglichst breites Spektrum abzudecken:

Alice Weidel (Die bürgerlich-intellektuelle Fassade): Weidel bedient mit ihrem Profil (promovierte Ökonomin, ehemalige Unternehmensberaterin) das bürgerlich-konservative Lager. Sie verwendet für die oft radikalen Positionen der Partei eine geschäftsmäßige, technokratische Sprache. Dies nimmt vielen Wechselwählern aus dem CDU- oder FDP-Umfeld die Hemmschwelle, ihr Kreuz bei der AfD zu machen.

Tino Chrupalla (Der Mann von der Basis): Als Handwerksmeister aus Ostdeutschland verkörpert Chrupalla den „einfachen Bürger“. Er spricht gezielt die Arbeiterschaft und Menschen im ländlichen Raum an, indem er sich als Stimme gegen die „politische Elite“ inszeniert.

In den Landesverbänden (insbesondere in Ostdeutschland, wie bei den jüngsten Wahlen 2026 in Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern) setzen Spitzenkandidaten wie Ulrich Siegmund oder Leif-Erik Holm verstärkt auf ein gezieltes Kontrastprogramm zum aggressiven Auftreten der Bundespartei. Es gilt „Dorfgrillromantik“ statt Krawall.

Beobachter und Politologen sprechen von einer bewussten Strategie, bei der rechtsextreme Kerninhalte hinter einer betont freundlichen, volksnahen Inszenierung versteckt werden. Wahlkämpfe werden wie Volksfeste mit Bratwurststand und Lächeln organisiert. Durch ein nahbares, smartes und scheinbar moderates Auftreten der Spitzenkandidaten vor Ort wird die Einstufung der Landesverbände als „gesichert rechtsextremistisch“ durch den Verfassungsschutz für viele Wähler im Alltag unsichtbar gemacht oder verharmlost. Der sympathische Kandidat überdeckt die Radikalität des Programms.

Die Spitzenkandidaten agieren als mediale Influencer. Insbesondere jüngere Kandidaten bespielen Plattformen wie TikTok hochgradig professionell. Sie nutzen kurze Videoclips nicht nur für politische Parolen, sondern auch für private Homestorys. Dadurch bauen sie eine direkte, emotionale Bindung zu jungen Wählern auf und normalisieren die Präsenz der Partei im digitalen Alltag.

Während die Spitzenkandidaten im direkten Wählerkontakt oft die moderaten Kümmerer mimen, teilen sie intern oder in spezifischen Foren die harte, aggressive Rhetorik von Figuren wie dem thüringischen AfD-Chef Björn Höcke. Diese Doppelstrategie erlaubt es ihnen, gleichzeitig die radikale, ideologische Stammwählerschaft zu bedienen und unentschlossene Protestwähler nicht zu verschrecken.

Was können die demokratischen Parteien unternehmen, um dem dramatischen Stimmenzuwachs zu begegnen?

Um dem Stimmenzuwachs der AfD zu begegnen, diskutieren die demokratischen Parteien über ein breites Spektrum an Strategien. Da die Wählerschaft der AfD mittlerweile aus sehr unterschiedlichen Gruppen besteht – von enttäuschten Protestwählern bis hin zu ideologisch gefestigten Unterstützern –, gibt es keine Patentlösung. Die diskutierten Ansätze lassen sich in vier Bereiche unterteilen:

1. Inhaltliche Schärfung und Lösungskompetenz

Ein Kernargument von Wahlforschern ist, dass demokratische Parteien der AfD die Themen entziehen müssen, indem sie konkrete und spürbare Lösungen für die Probleme der Bürger liefern.

· Steuerung der Migration: Da die Asyl- und Migrationspolitik das Hauptmotiv für AfD-Wähler ist, fordern viele Experten eine konsequentere, aber rechtsstaatliche Steuerung und spürbare Entlastung der Kommunen, um der AfD das Mobilisierungsthema Nummer eins zu nehmen.

· Wirtschaftliche Sicherheit und Zukunftsängste: Die Bekämpfung von Abstiegsängsten steht im Fokus. Voraussetzung dafür ist eine erfolgreiche Wirtschaftspolitik und eine wesentlich besser kommunizierte Reformpolitik.

· Verlässlichkeit statt Dauerstreit: Politischer Streit innerhalb von Regierungskoalitionen stärkt oft das Anti-Establishment-Narrativ der AfD. Erwartet wird eine professionelle, verlässliche und verständlich kommunizierte Politik.

2. Rhetorische und strategische Abgrenzung („Die Brandmauer“)

Die Mehrheit der demokratischen Parteien betont die Notwendigkeit, jegliche Koalitionen oder feste parlamentarische Zusammenarbeit mit der AfD strikt abzulehnen, um eine Normalisierung rechtsextremer Positionen zu verhindern (Halten der „Brandmauer“).

Der Umgang mit der AfD im parlamentarischen Alltag und im Wahlkampf ist hochgradig umstritten. Viele raten davon ab, die AfD und ihre Wähler pauschal zu moralisieren oder zu beschimpfen, da dies den Opferstatus der Partei stärkt. Stattdessen wird empfohlen, die AfD inhaltlich zu stellen, Widersprüche in ihrem Parteiprogramm aufzudecken (z. B. in der Sozial- und Wirtschaftspolitik) und die Konsequenzen ihrer Forderungen (z. B. einen EU-Austritt) aufzuzeigen.

3. Rückgewinnung von Vertrauen und Präsenz vor Ort

Die AfD punktet stark in Regionen, aus denen sich der Staat und die traditionellen Parteien zurückgezogen haben.

· Präsenz im ländlichen Raum: Demokratische Politiker müssen wieder verstärkt dort ansprechbar sein, wo Frust herrscht – auf Marktplätzen, in Vereinen und bei Bürgersprechstunden, um das Gefühl des „Vergessenseins“ zu bekämpfen.

· Digitale Offensive: Um der Dominanz der AfD bei jüngeren Wählern (insbesondere auf TikTok) zu begegnen, müssen demokratische Parteien ihre Social-Media-Strategien drastisch professionalisieren. Gefragt sind kurze, emotionale und leicht verständliche Erklärungen statt hölzerner Pressemitteilungen.

4. Wehrhafte Demokratie und staatliche Instrumente

Neben politischer Überzeugungsarbeit verfügt der Rechtsstaat über institutionelle Schutzmechanismen. In der politischen Debatte wird immer wieder ein AfD-Verbotsverfahren vor dem Bundesverfassungsgericht diskutiert. Während Befürworter argumentieren, dass die Demokratie sich aktiv gegen ihre Feinde schützen muss, warnen Kritiker vor den hohen rechtlichen Hürden und einer potenziellen weiteren Radikalisierung und Solidarisierung der Wählerschaft im Falle eines Scheiterns.

Von Dr. Thies Claussen sind bei Tredition folgende Bücher erschienen: „Notizen zur Lage der Welt. Demokratie, Zukunft und Tech-Milliardäre“ (2026), „In unruhigen Zeiten. Lebensfragen und Denkanstöße“ (2025), „Ludwig Erhard. Sein Leben für die Soziale Marktwirtschaft. Biografie und Ausblick“ (2024), „Unser Leben. Auf der Suche nach einem Kompass“ (2023), „Im Wandel der Zeit. Wo stehen wir? Wohin gehen wir?“ (2022), „Denkanstöße – Acht Fragen unserer Zeit“ (2021), „Unsere Zukunft nach Corona“ (2020), „Zukunft beginnt heute“ (2018) und „Unsere Zukunft“ (2017) .
Der Autor war Ministerialdirigent im Bayerischen Wirtschaftsministerium und zuletzt Vizechef der LfA Förderbank Bayern.

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Buchautor
Thies Dr. Claussen
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Laura ist als Junior Marketing Manager bei Business Today Network tätig. Zuletzt machte Sie Ihren Master-Abschluss in BWL mit Schwerpunkt Marketing.

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