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Das Diktat der Durchschnittlichkeit: Warum Exzellenz zur strategischen Überlebensfrage reift

Das Diktat der Durchschnittlichkeit: Warum Exzellenz zur strategischen Überlebensfrage reift

Reinhard F. Leiter, Executive Coach

Autor: Reinhard F. Leiter, Executive Coach München

In den klimatisierten Etagen der deutschen Wirtschaft macht sich ein gefährliches Phlegma breit. Während man sich in Sonntagsreden noch immer als „Exportweltmeister“ und „Innovationsmotor“ feiert, leidet das Land bei Licht besehen an einer schleichenden Erosion des Anspruchs. In einer Gesellschaft, in der das Streben nach oben oft als unsolidarisch diffamiert wird und jede Form von Elite unter Generalverdacht gerät, ist das Mittelmaß zur gemütlichen Standard-Hängematte geworden. Doch für ein Land ohne nennenswerte Bodenschätze ist diese kulturelle Tiefenentspannung jedoch lebensgefährlich. Unser einziger Rohstoff liegt zwischen den Ohren. Wenn dieser nicht mehr auf Hochglanz poliert, sondern nur noch verwaltet wird, verlieren wir den Anschluss an die Weltspitze. Exzellenz ist heute kein „Nice-to-have“ mehr, sondern eine harte betriebswirtschaftliche Notwendigkeit.

Die Anatomie der Meisterschaft: Handwerk, Geist und Rückgrat

Exzellenz ist kein statistischer Ausreißer in einer Excel-Tabelle, sondern ein Akt der täglichen Selbstüberwindung. Man kann sie sich wie den Bau einer Kathedrale vorstellen. Es beginnt mit handwerklicher Präzision und dem beharrlichen Meißeln am Stein, ohne dass jedes geistige Gebilde in sich zusammenstürzen würde. Wer sein Handwerk nicht bis zur Schmerzgrenze beherrscht, produziert lediglich Kulissenzauber. Hier zählen Disziplin, Ausdauer und Verlässlichkeit ohne Ausreden.
Hinzukommen muss die geistige Beweglichkeit – eine unbändige Neugier, die nicht beim Erreichten verweilt, sondern die eigenen Gewissheiten mit derselben Lust hinterfragt, mit der man sie aufgebaut hat. Den entscheidenden Unterschied macht jedoch charakterliche Exzellenz. In einer Welt der Selbstdarsteller ist es die wahre Kunst, nicht „besser scheinen“ zu wollen, sondern der Sache mit Integrität und einer fast schon anachronistischen Demut zu dienen. Exzellenz ist leise. Sie braucht keine Fanfaren, sondern überzeugt durch die Wucht der Tatsachen und eine Konsequenz, die weit über bloßen Perfektionismus hinausgeht.

Der demografische Winter und das Ende der Schonzeit

Die Einschläge kommen näher und der Handlungsdruck verschärft sich durch eine toxische Kombination globaler Entwicklungen. Wir leisten uns den Luxus einer demografischen Dürreperiode: Immer weniger Erwerbstätige müssen eine immer höhere Produktivität erzielen, um unseren Lebensstandard zu halten. Wenn weniger Schultern die Last tragen, darf kein Gramm Kraft mehr in der Reibung der Durchschnittlichkeit verloren gehen. Gleichzeitig investieren Giganten wie die USA und China mit großer Vehemenz in Zukunftstechnologien. Diesem Engagement können wir nur mit absoluten Spitzenleistungen begegnen. Ob KI, Quantenforschung oder Biotechnologie – das globale Rennen wird an der Spitze entschieden, nicht im komfortablen Mittelfeld. Komplexität lässt sich nicht mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner bewältigen. Wer Standards senkt, um niemanden zu „überfordern“, verspielt am Ende die Zukunft des gesamten Standorts.

Strukturelle Bremsen: Wenn das System die Leistung bremst

In vielen Organisationen spiegeln sich derzeit Bremsen wider, die auch gesamtgesellschaftlich sichtbar sind. Eine überbetonte Gleichheitsorientierung führt oft dazu, dass eine gezielte Förderung von Leistung ausbleibt. Bürokratische Übersteuerung und eine ausgeprägte Risikoaversion ersticken den Mut zur Innovation im Keim. Das Ergebnis ist eine Kultur, in der das Mittelmaß akzeptabel wird und Exzellenz als störende Ausnahme erscheint. Fragmentierte Bildungssysteme und eine schwache Führung, die zu einem hohen Krankenstand und einer wachsenden Kündigungsbereitschaft führt, sind lediglich die Symptome. Führungskräfte müssen verstehen: Exzellenz entsteht nicht durch Appelle, sondern durch Entscheidungen. Talente müssen gefordert und nicht geschont werden.

Biotope der Hochleistung: Der Campus Garching als Blaupause

Dass wir das Siegen noch nicht ganz verlernt haben, zeigen jene Biotope, in denen Leistung noch ungestraft großgeschrieben werden darf. In Garching, nördlich von München, lässt sich besichtigen, was passiert, wenn Freiheit, Wille und das Leistungsprinzip in eine hocheffiziente Symbiose gezwungen werden. Die Technische Universität München (TUM) hat hier gemeinsam mit Partnern wie der Max-Planck- und der Fraunhofer-Gesellschaft einen der modernsten Forschungsstandorte Europas geschaffen.

Es ist ein Ökosystem, das zeigt, was möglich ist, wenn privates Engagement und unternehmerischer Geist aufeinandertreffen, wie bei der Gründung des Innovationszentrums UnternehmerTUM durch Susanne Klatten. Hier geht es nicht nur um Forschung, sondern um Leadership mit Wirkung. Das Ergebnis sind „Decacorns“ wie Celonis, Pioniere wie Lilium oder Isar Aerospace und MedTech-Giganten wie Brainlab. Diese Erfolgsgeschichten sind kein Zufall, sondern das Resultat einer konsequenten Verpflichtung zur Exzellenz, die Forschung systematisch in Marktmacht übersetzt.

Das duale Ausbildungssystem – die Schule der operativen Präzision

Neben der akademischen Spitzenleistung stellt das duale Ausbildungssystem eine oft unterschätzte Säule deutscher Exzellenz dar. Es ist das operative Rückgrat unserer Wirtschaft und eine Schule der praktischen Könnerschaft. In den rund 320 anerkannten Ausbildungsberufen wird hier gelernt, dass eine Schraube entweder sitzt oder nicht – ein binäres Verständnis von Qualität, das in den luftigen Höhen der reinen Strategieberatung oft verloren geht.

Dieses System, das Theorie und betriebliche Praxis verzahnt, sichert dem Mittelstand eine Qualität und Verlässlichkeit, um die uns die Welt beneidet. Es ist ein Garant für niedrige Jugendarbeitslosigkeit und soziale Stabilität. Eine duale Ausbildung ist kein Karriereende, sondern das Fundament für Aufstiegsmöglichkeiten zum Meister, Techniker oder Fachwirt. Ohne dieses Fundament der operativen Exzellenz bliebe jede visionäre Führung lediglich eine gut gemeinte Halluzination.

Die Unbequemlichkeit als höchster Wert

Deutschland steht am Scheideweg. Wir müssen uns entscheiden, ob wir die Komfortzone des Mittelfelds beibehalten oder ob wir den Mut zur neuen Normalität der Spitzenleistung finden. Exzellenz ist kein Projekt, sondern ein kultureller Maßstab, der vom Anspruch zur täglichen Praxis werden muss – in der Politik, in den Institutionen und vor allem in den Führungsetagen.

Das bedeutet: Fehler als notwendigen Treibstoff der Erkenntnis zu institutionalisieren, statt sie zu sanktionieren. Zudem muss Verantwortung und unternehmerisches Denken auf allen Ebenen gestärkt werden. Exzellenz ist oft unbequem, sie reibt und stört die Mittagsruhe. Aber genau in dieser Störung liegt der Wert, der uns übermorgen noch ernähren wird. Wer kein „Genug“ an Qualität kennt, wird am Ende alles gewinnen. Was sich nicht am Höchsten misst, wird vom Niedrigen überrollt.

Über Reinhard F. Leiter
Reinhard F. Leiter war von 1972 bis 1981 in den Funktionen Leiter Aus- und Weiterbildung und Personalleiter in der Bayer Group tätig. Von 1982 bis 2013 leitete er bei Allianz SE das Zentrale Bildungswesen und war Head of Executive Events. Für diese Unternehmen war er auf allen fünf Kontinenten und in über dreißig Ländern tätig.

Reinhard F. Leiter war Gründungsmitglied des „Arbeitskreises Assessment Center-Führungskräfteauswahl und Entwicklung in DACH“ und jahrelang Vorsitzender dieses Vereins.
Er ist heute certified Coach für Unternehmer und Senior Leaders.

Reinhard F. Leiter publiziert regelmäßig.

Weitere Bücher von Reinhard F. Leiter:
„Global Coaching Excellence? A holistic approach“, EDITION WINDMÜHLE im Feldhaus Verlag, ISBN 978-3-86451-060-1 gemeinsam mit Dr. Werner Krings.
Reinhard F. Leiter, „Presentation Excellence – A holistic approach“, EDITION WINDMÜHLE im Feldhaus Verlag, ISBN 978-3-86451-039-7.

Reinhard F. Leiter, „Quality Standards of Presentation Excellence“, www.reinhardfleiter.com
Professional Certificate in Coaching (PCIC) / Foundation in Coaching: Henley Business School at University of Reading GB: Certified

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Laura ist als Junior Marketing Manager bei Business Today Network tätig. Zuletzt machte Sie Ihren Master-Abschluss in BWL mit Schwerpunkt Marketing.

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